Texte mit der SQ3R-Methode erfassen
Die Lerninhalte für Ihr Studium sind in Texten bzw. Lerneinheiten verfasst, so dass Sie neue Informationen primär über das Lesen erhalten werden. Daher sollten Sie lernen, wichtige gelesene Informationen sofort einzuordnen. Da die meisten dargebotenen Informationen nicht gehirngerecht aufbereitet sind, müssen Sie diese Aufgabe selbst übernehmen.
Wenn Sie einen Text nicht nur lesen, sondern auch lernen möchten, dann ist die SQ3R-Methode (Robinson 1978) sehr hilfreich. Die Bezeichnung SQ3R leitet sich aus den Anfangsbuchstaben der zu durchlaufenden Phasen ab:
S = Survey oder Überblick gewinnen
Q = Question oder Fragen stellen
R = Read oder aktives Lesen
R = Recite oder Wiedergeben
R = Review oder Überprüfen und Wiederholen

Die einzelnen Phasen
Um ein Grundverständnis für die vorliegende Lerneinheit zu erhalten, sollten Sie dem Informationsbedürfnis Ihrer rechten Gehirnhälfte nachkommen. Sie will den Überblick, das Gesamtbild, die Gesamtschau, da sie ja für die Synthese zuständig ist. Deshalb ist es sinnvoll, sich die Lerneinheit oder das Buch zunächst einmal von allen Seiten anzusehen, den Klappentext zu lesen und darin zu blättern. Dabei bleibt man eventuell bei der einen oder anderen Überschrift, Tabelle oder Zusammenfassung hängen und so entsteht schon ein erster Eindruck von der Struktur des Textes. Mit dem Überfliegen des Inhaltsverzeichnisses erhält man einen Überblick über den Aufbau der Lerneinheit, bevor mit dem eigentlichen Lesen begonnen wird. So erarbeiten Sie sich die Lerneinheit zunächst wie ein Puzzle, wodurch erste Zusammenhänge erkennbar werden.
„Wann immer ich mir etwas merken möchte, muss ich es mit etwas verknüpfen, was ich bereits weiß.“ (Grüning 2005, S. 28)
Sie bereiten jetzt Ihr Gehirn auf die Aufnahme der neuen Informationen vor. Hierzu ziehen Sie ein Wissensnetz zur Vorbereitung für die Aufnahme neuer Informationen in Ihrem Gehirn auf, in das in einem späteren Schritt die neuen Informationen nur noch eingehängt werden müssen. Dieses Wissensnetz ziehen Sie mit der Beantwortung der folgenden Fragen auf:
Was weiß ich bereits zu diesem Thema?
Welche ersten Assoziationen fallen mir dazu ein?
Was interessiert mich am meisten?
Wozu will ich mehr Informationen (mein Ziel)?
Formulieren Sie also eigene Fragen und suchen Sie ganz konkrete Antworten darauf im Text. Aktives Lesen bedeutet nicht, jeden gelesenen Gedanken sofort genau verstehen zu müssen. Wenn man auf der Suche nach einer konkreten Antwort ist, ist es ganz natürlich, dass man durchaus mal die Dinge überliest, die eine Antwort auf eine andere Frage geben als auf die, die man selber gerade gestellt hat.
Auch hier gilt: Mut zur Lücke. Wichtig ist zunächst, Antworten auf die eigenen Fragen zu finden. Zu einem späteren Zeitpunkt und mit dem neu erworbenen Wissen (Antworten), kann man dann mit einem neuen Verständnis auch zu schwierigeren Textstellen zurückkommen.
Versuchen Sie den Text unter den Gesichtspunkten der formulierten Fragen aktiv zu lesen. Während des Lesens formen Sie die neuen Informationen so um, dass sie am besten in Ihr aufgespanntes Wissensnetz eingehängt werden können.
Bilden Sie zu jeder Überschrift eine Frage!
Wenn Ihnen selber keine Wissensfrage einfällt, so fragen Sie sich doch, was der Autor Ihnen mit der vorliegenden Information bieten kann. Man liest deutlich aufmerksamer, wenn man auf die Beantwortung der Frage wartet. Außerdem werden durch Fragen Assoziationen aktiviert, die die rechte Gehirnhälfte zur Informationsaufnahme anregt. Die gelesenen Informationen werden schneller in das aufgespannte Wissensnetz eingehängt, wenn durch die Formulierung der Frage der Bereich definiert ist, in den die Antwort eingehängt werden soll.
Reflektieren Sie den gelesenen Text!
Bringen Sie ihn in Verbindung mit bereits vorhandenem Wissen und suchen Sie nach passenden Beispielen. Vielleicht hilft Ihnen an dieser Stelle auch Ihr praktischer Alltag weiter. Überlegen Sie einmal, an welcher Stelle in der Praxis diese neuen Informationen erforderlich und hilfreich sind, um berufliche Handlungskompetenzen zu erweitern. Konstruieren Sie für sich selber ein Fallbeispiel und betten damit die Theorie in die Praxis ein.
Steigern Sie Ihre Lesegeschwindigkeit!
Es unterstützt die Verstandesleistung, so schnell wie möglich zu lesen. (Scott 2001, S.73) Das scheint zunächst paradox. Jedoch werden beim sehr langsamen, zu gewissenhaften Lesen Gedanken produziert, die vom Lesen ablenken. Vielleicht haben Sie auch schon einmal bemerkt, dass Sie seitenweise einen Text gelesen haben und in Wirklichkeit mit den Gedanken ganz wo anders waren. Vom Inhalt des Textes ist nichts hängengeblieben, da Sie im Grunde nur schwarze Zeilen mit den Augen abgetastet haben.
Macht man sich die natürliche Bewegung der Augen bewusst, wird man feststellen, dass sie entweder Bewegungen folgen (z.B. einem vorbeifahrenden Auto) oder sprunghaft von einem (unbewegten) Gegenstand zum anderen hüpfen. Das lineare Lesen von Wort zu Wort vollzieht das Auge also in einer abgehackten Bewegung von Wort zu Wort, die das Lesen gleichzeitig ausbremst. Daher muss man für das Verstehen eines Textes nicht jedes einzelne Wort lesen.
Wenn Sie Ihre Lesegeschwindigkeit erhöhen, muss das Gehirn während des Lesevorganges schneller arbeiten und nicht lange auf die wirklich wichtigen Informationen (zur Beantwortung der vorher gestellten Fragen) warten. Damit nähern Sie Ihre Lesegeschwindigkeit der Geschwindigkeit des Denkens an. Dies ist natürlich eine Sache der Konzentration und Übung.
Unterstützend kann es hier sein, den Finger unter der zu lesenden Zeile mitzuführen. Dabei folgt das Auge der Bewegung des Fingers und kann so viel schneller die Worte erfassen. Darüber hinaus ist das Auge in der Lage, auch die Umgebung der betrachteten Gegenstände wahrzunehmen. Das betrifft auch das gesehene Wort. Insofern ist es beim schnellen Lesen nicht wichtig, wirklich jedes einzelne Wort bewusst gelesen zu haben.
Nicht jedes „und“, „oder“, „der“ und „das“ sind für das Textverständnis von Bedeutung. Vielmehr sind es die Schlüsselworte, die in unserem Gehirn einen sinnvollen Zusammenhang bilden. Man kann also das Lesen beschleunigen, indem man den Blick über die Zeilen huschen lässt, ohne das erste und das letzte Wort der Zeile bewusst mitzulesen.
Lesen Sie mit Farben!
Textmarker sind ein sehr hilfreiches Instrument, um wichtige Stellen und Schlüsselworte eines Textes ins Auge springen zu lassen. Wenn Sie sich den gleichen Text im Zuge einer Wiederholung nochmals anschauen, brauchen Sie sich in aller Regel nur auf die markierten Stellen zu konzentrieren. Die markierten Stellen sind also gewissermaßen Wegweiser, mit denen Sie verschiedene Bereiche in Ihrem Gedächtnis wiederfinden können, in denen Sie bei der ersten Bearbeitung des Textes bestimmte zusammenhängende Informationen eingehängt haben.
Drei-Stufen-Modell zum Markieren |
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1. Überlesen der Informationen |
2. Mit Bleistift vormarkieren Schlüsselinformationen zunächst mit Bleistift ins Kästchen, anschließend mit Textmarker (gelb) |
3. Differenziert markieren Die an den zentralen Begriffen (Schlüsselifomationen) anzuhängenden Informationen erst mit Bleistift unterkringeln, im zweiten Durchgang mit dem Rotstift unterstreichen |
Hierbei sollten Sie darauf achten, dass Sie…
- möglichst wenig markieren (nur Schlüsselwörter)
- einen dicker Textmarker für Schlüsselwörter, einen dünner Stift für Erläuterungen verwenden
- sich auf maximal drei Farben pro Darstellung beschränken
- vom Sinn her zusammengehörende Sachverhalte immer mit gleicher Farbe und Form markieren
das Auge durch massive Reduktion ausrichten und führen
Visualisieren Sie die gelesenen Inhalte!
Die gelesenen und markierten Informationen können Sie für Ihre eigenen Unterlagen und Mitschriften verwenden. Nutzen Sie dabei auch den breiten Rand der Lerneinheit! Hierbei können Sie die Schlagworte mit Erklärungen herausschreiben oder versuchen, die Informationen in Form von (Schau-)Bildern oder Diagrammen zusammenzufassen. „Ein Bild sagt mehr als tausend Worte.“ – das wussten schon die alten Chinesen! Sie können mit einem Blick schneller Informationen einfangen, als wenn Sie einen beschreibenden Absatz lesen; man denke nur an den visuellen Teil in dem täglichen Miteinander, den Bereich der nonverbalen Kommunikation.
Bei der Zusammenfassung in Bildern oder Stichpunkten sollten Sie folgende Grundsätze beachten:
Grundsätze zur Zusammenfassung in Bildern oder Stichpunkten |
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1. Einfachheit Verständliche Begriffe verwenden. Kurze Sätze bilden. |
2. Ein Bild sagt mehr als tausend Worte Nutzen Sie Symbole. Malen Sie auch mal ein Bildchen, bei dem Sie den Inhalt so klar darstellen, dass Sie auch nach kurzer Zeit noch wissen, was Sie damit gemeint haben. |
3. Strukturierte Darstellung Verwenden Sie Überschriften und Zwischenüberschriften, um Ihre Mitschriften übersichtlicher zu gestalten. Optische Grundstrukturen wie z.B. Mindmaps und andere Netzstrukturen lenken den Blick auf das Wesentliche. |
Nach dem Lesen des Kapitels fragen Sie sich: Weiß ich jetzt mehr als vorher? Wie lauten die Antworten zu den Fragen, die Sie an den Autor oder an das erwartete Wissen gerichtet haben? Ihre linke Gehirnhälfte sollte die Informationen zur Beantwortung der von der rechten Gehirnhälfte gebildeten Fragen im Zuge des Lesevorgangs beantwortet haben.
Durch die Beantwortung der vorher gestellten Fragen werden die in das Wissensnetz eingespeicherten Informationen noch einmal überprüft und gefestigt. Sie sollten nun in der Lage sein das Gelesene frei und mit eigenen Worten zu reproduzieren. Stoßen Sie bei Ihren Ausführungen auf eine Lücke lesen Sie im Text noch einmal nach und ergänzen Sie.
Mit dem mündlichen oder besser noch schriftlichen Wiedergeben von Lernstoffabschnitten lässt sich gut kontrollieren, inwieweit der Lernstoff verstanden worden ist. Indem die wichtigsten Punkte in eigenen Worten wiedergegeben werden, findet man heraus, an welchen Stellen das Stoffverständnis bereits vorhanden ist und an welchen noch nicht. Bei der Wiedergabe des Textes geht man Abschnitt für Abschnitt vor, sodass man sicher sein kann, dass wirklich der ganze Inhalt verstanden worden ist.
Besonders zur Prüfungsvorbereitung erweist sich dieses Verfahren als sinnvoll, das gleichzeitig mit der schriftlichen Wiedergabe des Stoffes ein Lernskript (Exzerpt) entsteht, das in eigenen Worten formuliert ist und den Lernstoff verdichtet.
Zum Schluss lässt sich anhand der schriftlichen Zusammenfassungen, die zuvor beim Wiedergeben entstanden sind, überprüfen, ob alle Inhalte im Gedächtnis geblieben sind. Nun wissen Sie, was Sie verstanden haben und was noch nicht verstanden wurde und Sie ggf. nochmal wiederholen oder nachbearbeiten müssen. Damit haben Sie schon die Aufgaben für Ihre nächste Lernrunde und können so am Ball bleiben. Ideal ist es, das Gelernte im Nachgang noch einmal mit Kommiliton*innen oder in der Lerngruppe durchzugehen und anhand von konkreten Beispielen zu diskutieren. Dabei werden vielleicht auch neue Aspekte entdeckt, die Ihren Wissenserwerb noch weiter vertiefen.
Die gehirngerechte Strukturierung des Lernstoffs geschieht somit bereits beim Lesen und Durcharbeiten der Lerneinheiten, wenn Sie anhand der SQ3R-Methode strukturiert vorgehen.
